Montag, 31. Dezember 2012

29c3

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Wie wir ja auf Google+ geschrieben haben, waren ich und mein Freund auf dem jährlichen Hackertreffen in Hamburg. Dem 29C3.
Nun da ich zurück bin, vom Chaos Communication Congress würde ich gerne ein kleines Résumé ziehen und euch einen kleinen Einblick darüber geben, wie ich (eine Autistin) den Kongress gesehen habe.

Erst einmal möchte ich mich für diese gelungenen 4 Tage ganz herzlich beim kompletten Orgateam und allen Mitwirkenden bedanken. Es waren die tollsten 4 Tage die ich seit langen hatte.
Jetzt aber zu meiner kleinen Berichterstattung:
Schon ein paar Tage vor dem Congress zeichnete es sich ab, dass ich doch ganz große Angst hatte mich nicht gut mitteilen zu können und meine sehr niedrigen Grenzen nicht deutlich genug machen zu können.
Daher musste ich mich mit meinem Freund darüber unterhalten.
Ich erklärte ihm, ich hätte große Angst, dass mir jemand bei den Unterhaltungen die Hand geben würde, oder aber mein komisches Verhalten falsch verstehen könnte.
Da ich in Stress-Situationen leider manchmal völlig überfordert reagiere, musste eine Lösung her bei der ich nicht gezwungenermaßen kommunizieren musste und trotzdem wild fremde Menschen mein Anliegen verstanden.
Und dies möglichst ohne das mein Partner ständig mich erklären muss.
Der rettende Einfall kam dann von meinem Freund.
Er entwarf mir ein T-shirt mit der Aufschrift

Beware!
Autistic Savant!

Darunter waren drei Fortschrittsbalken zu sehen:

Visual Memory: 500%
Ram: 300%
Socialcompetence: 3,14159265% (die zahl Pi)

Unter diesen Fortschrittsbalken war das User Manual (Bedienungsanleitung) zu lesen :

Show me, talk to me, bear with me,
but please:
Don't Touch!

Was soviel bedeutet wie: „Zeigs mir, sprich mit mir, hab Geduld mit mir, aber bitte nicht anfassen!“

Natürlich war ich ganz aufgeregt, bis das T-shirt bei uns ankam.
Der Druck war besser geworden wie ich es erwartet hatte und irgendwie fand ich die Idee super gut.

Ich hätte meinen (Gen)Defekt natürlich auch versuchen können zu verbergen, was aber in solchen Situationen meistens eh nicht funktioniert.
So haben die Leute wenigstens einen kleinen Hinweis, warum ich so „komisch“ bin und reagieren vielleicht etwas verständnisvoller.
Ich hatte sehr viel Angst vor den Reaktionen der Leute auf mein T-Shirt, gerade auch weil es so eine kurze Zeit nach dem Amoklauf in den USA stattfand.
Aber auf der anderen Seite dachte ich, wenn ein paar Leute ein anderes Bild von einer Autistin zu sehen kriegen, wäre das auch eine Art Versuch der Aufklärung.

Wie waren nun also die Reaktionen auf mein T-Shirt und meine Person:
Ich muss sagen die Hacker Community hat viel besser reagiert wie ich es mir je erhofft hatte (vielen lieben Dank dafür).
Gleich am Eingang kam mein Shirt sofort zum Einsatz. Nach dem wir die ndchen für den Eintritt bekommen hatten, stand ein paar Meter weiter ein junger Mann, der mir beim verschließen helfen wollte. Da ich sehr aufgeregt war, konnte ich mich auch in diesem Moment nicht mitteilen, dass ich nicht Angefasst werden möchte. Doch da kam mir mein T-Shirt das erste mal zur Hilfe.
Ich zeigte einfach mit meinem Finger darauf und sofort lächelte der Junge und nahm seine Hände hoch als wollte er sich ergeben. Also durfte ich mein Bändchen mit so einer komischen Presse selber zu machen. (das empfand ich als super nett, und auch hier für einen riesen Dank).

Der Overload der dann kam, durch die vielen vielen tollen Einblicke, war nicht gerade klein. Zeitweise wusste ich nicht mal mehr wo ich gerade war, noch was ich gerade dort zu tun hatte.
Ich hatte komplett die Orientierung verloren und das sprechen klappte schon einmal gar nicht mehr. Aber dennoch war alles so faszinierend und super das ich einfach weiter da bleiben wollte. Mein Freund zog mich dann erst einmal wieder hinaus um mir ein wenig Pause zu verschaffen.
Schon auf dem Weg zur Raucherpause bemerkte ich, wie viele Leute, an denen ich vorbei ging, mich,bzw das Shirt, anschauten.
Irgendwie wollte wohl jeder wissen was darauf zu lesen war. Manche lächelten, manche lachten, und wieder andere kamen sogar auf uns zu und fragten ob mein T-Shirt dem Realleben entsprechen würde.
Beim Rauchen begegnete mir dann ein Mädchen die sehr interessiert mein Shirt las und mir dann gleich ein Paar Karten in die Hand drückte, zur besseren Verständigung.
Eine Grüne für gutes Verhalten: einzusetzen wenn mir einer besonders gut half.
Sowie eine Gelbe und eine Rote, wenn das Verhalten meines Gegenübers nicht so prickelnd war.
Ich bedankte mich dafür. Mir war aber sofort klar, dass ich nur die Grüne jemals einsetzen würde. Ich fand das Kommunizieren über eine Karte, gerade für mich, keine schlechte Idee.

Was mir im weiterem Ablauf des Tages und des Kongresses auffiel war, dass ich egal mit wem wir auch immer ins Gespräch kamen, ich mich nicht vor Händedrücken und Verabschiedungen drücken musste.
Die Leute taten es einfach nicht. Niemand begrüßte mich mit Handschlag oder verabschiedete sich so (danke dafür).
Das Don't Touch zeigte anscheinend Wirkung.
So wenig wie auf diesem Kongress, ist mir noch nie eine Hand entgegen gestreckt worden. Das nahm ein wenig den Stress raus und sorgte dafür das es für mich ein wenig erträglicher wurde.

Ganz nette Leute traf ich dann auch beim Stand der Digitalcourage, die mir nach einer Fragestellung sogar das Suchen nach einer fachkundigen Ansprechpartnerin abnahmen und durch das ganze Kongressgebäude liefen um meine Frage beantworten zu können. Auch hierfür ein riesiges Dankschön.

Am zweiten Tag lief alles etwas besser und ich verlief mich auch nicht mehr ganz so oft. Ich traute mich sogar ein- zweimal ohne Begleitung in eine Vorlesung hinein und versuchte etwas mutiger zu werden. Ich sprach zwar keinen an, dafür sprach mich jemand an.
Nach der Vorlesung kam ein Junger Mensch zu mir und fragte mich wo ich das Shirt her hätte, er fände das gut und wollte sich auch eines bestellen, leider musste ich ihm sagen das es ein eigenes Design war und das es das T-Shirt nicht öffentlich zum kaufen gibt. ( I`m sorry dafür.)
Da das T-Shirt so gut wirkte, gab es mir eine Art Sicherheit was dazu führte, dass ich bereits am dritten Tag ziemlich frei von Overloads über den Kongress laufen konnte.
Verlaufen tat ich mich zwar immer noch, aber angesichts dieser verwirrenden Größe war das auch nicht verwunderlich.

Alles in Allem, waren es vier super Tage.
Klasse Leute und ein allerherzlichstes Dankeschön an alle Hacker die mich so nahmen wie ich bin. Respekt denn das schaffen die wenigsten Leute in meiner Umgebung zu Hause.

Und einen lieben Gruß und Respekt an alle Helfer die so einen riesigen Kongress erst möglich machen


Sam Becker


Update:

Hier noch ein Link zu dem Blog von "neuberlinern" die dort die Funktion der sogenannten Creeper-Cards näher erklärt.
Lesenswert
http://neuberlinerin.wordpress.com/




Kommentare:

  1. Wow, super Bericht.
    Das T-Shirt ist eine tolle Idee. Schön, dass es so hilfreich war.

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    1. Jo, ich glaube, ich würde es mir nicht trauen, so offensiv meinen Autismus quasi vor mir herzutragen, auch wenn ich mit Klarnamen drüber twittere, ist das doch noch was anderes als in der Öffentlichkeit mit so einem T-Shirt herumzulaufen (auch wenn es optisch wirklich schick rüberkommt).
      Schön übrigens auch, dass es nun einen weiteren Autismus - Blog zu geben scheint. ;-)
      Uh, habe ich jetzt etwa nen ccount auf blogger? Uhm....
      Gruss, Stefan (@kiezkickerde)

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    2. Hallo kiezkickerde. Das glaube ich Dir gerne. Das ist sicher auch nicht leicht. Ich bin da auch unglaublich stolz auf mein Frauchen, dass sie das gemacht hat.
      Man muss allerdings auch fairerweise sagen, dass die Hackercommunity unglaublich tolerant ist. Auch wenn es im Vorfeld und auch auf dem Kongress einige Diskussionen über Diskriminierungen (speziell von Frauen gab). Die sind in der Praxis aber eigentlich nicht vorhanden. Das wurde von einigen Feminismus-Trolls ziemlich gehypt. Meine Frau und ich sind nun wirklich gegen jede Form der Diskriminierung, aber das was da diskutiert wurde war absolut lächerlich.
      Wir hatten dort ein sogenanntes anti-herassment Team, dass in solchen Fällen einschreiten sollte.
      Deren Résumé: 20 anrufe wegen blöder sprüche, 1 verwarnung und 1 rauswurf (und das war ein neonazi).
      Wenn man bedenkt dass dort fas 7000 leute waren, spricht das wohl eine eindeutige Sprache.

      Von daher kann ich nur sagen, Autisten dürfen sich auf diesem Kongress wirklich wohlfühlen. Auch wenn der sensorische Overload natürlich heftig ist.

      Gruß
      Bayleak

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  2. vielen lieben dank für diesen netten Kommentar.

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  3. Die Wahrscheinlichkeit dass Dir Nerds die Hand schuetteln wollen ist eh gering ;)

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  4. Cool! Mich freut, dass es so gut geklappt hat und dass mein Bild von der netten Community weiter gestärkt wurde. Das T-Shirt ist super. Würde mich freuen, dich auf den kommenden Events wieder zu sehen. Ich habe deinen Blogpost direkt mal an Leute geschickt, die ähnliche Situationen kennen.

    Gruß, Enno Lenze

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    1. Natürlich hat es bei ihm gut geklappt. Er ist ja auch ein weißer Mann. Möglicherweise sogar heterosexuell.

      Ob die Situation akzeptabel ist, entscheiden andere. Nämlich nicht-weiße, nicht-männliche, nicht-heteronormative, nicht-Nichtbehinderte Menschen.

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    2. Die schiere Arroganz, die Du da in den vier Sätzen rausgehauen hast, ist schon atemberaubend.

      Ob die Situation akzeptabel ist, entscheiden diejenigen die dort waren. Zum Beispiel Sam, die genau das in ihrem Blogartikel, unter dem Du gerade kommentierst, getan hat. Leider passt ihr Urteil wohl nicht in Dein Weltbild, sonst müsstest Du es nicht ignorieren.

      Der Gedanke, dass Du Sam mit deinem Kommentar die gleiche Missachtung entgegenbringst, die Du Enno, und vermutlich jedem männlichen, weißen heterosexuellen Wesen unterstellst, ist Dir vermutlich beim verschriftlichen Deiner wohlfeilen Empörung nicht gekommen, oder?

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  5. Ich finde ja die Sache mit dem T-Shirt großartig! Nerds neigen ja dazu per T-Shirt-Spruch zu kommunizieren. Meisten um eine Meinung oder eine Präferenz für eine bestimmte Software zum Ausdruck zu bringen.

    Das Konzept eine Art "Nerd-Manual" draufzupacken, ist sicher noch ausbaufähig. Wirklich toll.

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